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Selbstverteidigungskurse boomen!

Insbesondere Frauen wollen sich gerne wehren können, wenn sie unangenehme Seitengassen-Erfahrungen machen. SWR3-Reporterin Sabrina Kemmer hat zwei Kampfkunst-Arten getestet: Krav Maga und Wing Chun.

Krav Maga – Verteidigung wie beim Geheimdienst

Ich habe gekämpft, gelitten und versucht, mich selbst zu verteidigen. Erstens bei der Kampfsportart Krav Maga (gesprochen: KRAAF MAGAAA). Das ist der Nahkampf, den das israelische Militär und der Geheimdienst Mossad einsetzen. Gerade sind alle ganz heiß auf diese Art der Selbstverteidigung, die besonders für Frauen super geeignet sein soll. Der Ausdruck Krav Maga ist hebräisch und heißt „Kontaktkampf“. Mein Coach für den großen Selbstverteidigungstest: Michele aus Stuttgart.

Keine Angst vor Körperkontakt!

Das erste was ich lerne: Bloß Berührungsangst! Michele hat sein Knie zwischen meinen Beinen. Seine Hand drückt auf meinen Hals. Wir simulieren eine versuchte Vergewaltigung. Und obwohl wir in einem hellen Fitnessraum sind und nicht irgendwo im dunklen Wald, fühle ich mich unwohl. Klar, es liegt ja gerade auch ein muskulöser fremder 90-Kilo-Typ über mir, den ich seit 10 Minuten kenne. Er will mir deutlich machen, dass ich mich in so einer lebensbedrohlichen Situation mit allen Mitteln wehren muss.

Beiß ins Gesicht!

Man löst sich von allen Regeln – wenn ich hier stehe zum Beispiel, dann beiß ich ins Gesicht.

Wie bitte? Ins Gesicht beißen? Genau deshalb wird Krav Manga als schmutziger Kampf bezeichnet. Sich wehren im Ernstfall, ohne Rücksicht auf Verluste. Zwei bis drei Mal pro Woche sollte ich ab jetzt trainieren. Mindestens ein halbes Jahr lang. Jede Trainingsstunde ist eine Mischung aus Ausdauer, Kraft und Technik, kann schon mal mit blauen Flecken enden und soll auch im Training bewusst brutal sein.

Trotzdem: Wut kontrollieren

Immer mehr Frauen besuchen Selbstverteidigungskurse. Seit den sexuellen Übergriffen in der Kölner Silvesternacht ist der Frauenanteil in Stuttgart von 10 auf 30 Prozent gestiegen.

Micheles Schüler lernen dennoch auch, die Wut zu kontrollieren und dann effektiv einzusetzen. Wehren, Befreien, Abhauen – das ist das Motto. Anwälte, Ärzte, Frisörinnen oder Vorstandsvorsitzende wollen Krav Maga bei Michele lernen. Selbstverteidigungskurse boomen.

Frauen sind keine Opfer!

Krav Maga ist besonders für Frauen eine gute Art der Verteidigung. Denn hier lernt man Selbstbewusstsein und das bringt uns gleich mal raus aus der Opferrolle. Wenn wir dem Typen mit den Fingern in die Augen stechen und wie wild gewordene Furien schreien, dann sehen die Angreifer uns nicht mehr sofort in dieser Rolle.

Wing Chun – Verteidigung auf chinesisch

Die chinesische Kampfkunst Wing Chun ist dagegen auf präzise, technische Schläge und Tritte ausgelegt und ist – genau wie Krav Maga – besonders gut für Frauen geeignet, die sich im Ernstfall verteidigen wollen.

Schraubstock-Griff aus Stuttgart

Gelehrt wird die Selbstverteidigung unter anderem von Jörg in Stuttgart. Mein erster Eindruck: Der sieht so harmlos aus! 1,77m groß. 50 Jahre alt. 70 Kilo. Schlank. Er zeigt mir die erste Wing Chun-Übung: Da steht man x-beinig und mit nach vorne gebeugtem Becken da und macht Kung Fu-Bewegungen. Da dachte ich: Okay – da würden mich die Gangster auf der Straße sowas von hart auslachen! Aber genau durch solche intensiven Muskelübungen wirst du mit Wing Chun zur Maschine. Jörg hatte einen Griff wie ein Schraubstock hoch 10.

In 6 Monaten zur Maschine

„Also in den ersten 6 Monaten wirst du merken, wie deine Handgelenke kräftiger werden”, sagt Jörg. Und genau damit soll ich mich dann blitzschnell befreien können, wenn mich jemand packt und zum Beispiel ins Gebüsch ziehen will. Trockenübungen müssen also sein und nach einem einzigen Kampftraining ist noch keine Frau eine Superwoman.

Intensives Training muss sein!

Bis ich Wing Chun auf der Straße anwenden könnte, dauert es etwa ein Jahr. Zweimal Training pro Woche und zu Hause dann noch die Abläufe üben. Das ist viel Arbeit. Besonders, wenn du einen Vollzeitjob hast. Trotzdem will ich natürlich bei Jörg auch mal ran: Kampftest mit Kampfpartnern.

Frau gegen Frau

Das besondere an dieser Kampfkunst ist: Ich lerne präzise, wo GENAU am Körper ich hinschlagen muss. Anatomie ist ein Bestandteil der Selbstverteidigung.

Es geht darum zu wissen, wo man treffen muss, damit man nicht so viel Kraft braucht.

Übrigens: Beim Training kämpfen vor allem Frauen mit Frauen. Wing Chun wurde nämlich auch von einer Frau erfunden. Vor 400 Jahren von einer Nonne in China, die einfach das Kung Fu der Shaolin Mönche etwas auf weiblichere Bedürfnisse abgeändert hat.

SWR 3 Interview

von Sabrina Kemmer, Kira Urschinger, Jörg WIggershaus

Sabine Kemmerer und Jörg Wiggershaus

Interview SWR 3 Sabrina Kemmer mit Jörg Wiggershaus

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